Erfahrungsbericht Thomas K.

Zweieinhalb Wochen Rolli Rallye sind vorbei.
Das Projekt, dessen Planung und Organisation fast 2 Jahre gedauert hat, ist erfolgreich durchgeführt worden. Wer hätte das gedacht, als er von der “Schnapsidee” hörte? Ich bestimmt nicht. Der Ernst und der Ehrgeiz, der seitens Silvana, Jenny, Sascha und natürlich Martin dahintersteckte wurde von mir belächelt- gebe ich ganz ehrlich zu. Insbesondere Sascha und ich sind ebenso Experten im Ausdenken ungewöhnlicher Ideen, wie wir auch Experten sind im Nicht-ausführen dieser. Paradebeispiel ist unser Spielfilm “Chairman-The Movie”, dessen Realisierung recht ausführlich angegangen, aber dann wieder fallen gelassen wurde. Vielleicht wird es ja irgendwann noch etwas- spätestens wenn wir zwei unsere eigene Medienfirma eröffnen. Wir werden sehen…

Die Rolli Rallye Marburg-Marseille war eine außergewöhnliche Erfahrung für mich. Ein mehr oder minder zusammengewürfelter Haufen voller grundunterschiedlicher Personen fügte sich zu einem starken Team zusammen, das reden, lachen, Probleme lösen und einfach eine gute Zeit haben konnte. Es entwickelten sich Expertisen auf unterschiedlichen Gebieten. Sei es das Absperren der gefährlichen Straßen, das Pfadfinden mit dem Fahrrad oder das Kochen (welches einen Newseintrag für sich verdient hätte- was wir für großartige Köche an Bord hatten, ist keinesfalls campingtypisch :-) ). Meinungsverschiedenheiten und angespannte Situationen tauchten auf und verschwanden wieder- wie es sein sollte, um Langweile zu vermeiden.

Bei der Rolli Rallye Marburg-Marseille handelte es sich um ein Projekt für Integration. Wir haben gelernt, dass sich die Situation Behinderter in unserem Nachbarland Frankreich deutlich von der in Deutschland unterscheidet.
Während eine Isolation von Rollifahrern in Deutschland meist aus ihnen selbst heraus entspringt, geraten unsere französischen Kollegen in einen Teufelskreislauf von Nichtbeachtung und Abschiebung. Eine Teilnahme am normalen Leben? Laut der vielen lieben Leute, die wir in Marseille treffen durften schwer vorstellbar für einen französischen Behinderten. Eine Aktion wie die Rolli Rallye? Maximal mit bezahlten Betreuern- nur wenige Rollstuhlfahrer haben (freundschaftlichen) Kontakt zu den “valides” (Fußgängern)- er ergibt sich nicht aus den Lebensumständen, die sich vorfinden. Behinderte gehen auf Behindertenschulen, finden nur Freunde untereinander, können nicht autonom durch die Stadt schlendern.Zu wenig behindertengerecht sind die Städte konzipiert- Marseille traurigerweise als Paradebeispiel. Paris soll noch schlimmer sein…
Die Gespräche (so holprig sie aufgrund der Sprachschwierigkeiten waren) erweiterten unseren Horizont und öffneten unsere Augen, dass eine Öffentlichkeit, wie wir sie teilweise erreichten gerade in Frankreich ein sehr wichtiges Element für mehr Respekt und mehr Beachtung der Rollstuhlfahrer als Menschen wäre.

A propos Öffentlichkeit: Ich war erschlagen von der Aufmerksamkeit, die wir erfahren haben. Journalisten sämtlicher Sparten interessierten sich für unsere Geschichte. Sascha, Jenny und Silvana avancierten zu absoluten Medienprofis. Die Selbstverständlichkeit, mit der die drei ihre Fernsehinterviews absolvierten erinnerte an Fußballprofis- nur in intelligent, fein formuliert und interessant. Auch auf englisch für das franzlösische Fernsehen stellten sich kaum Probleme ein.
Was die Planungen ergeben haben, war überwältigend. Insbesondere die Empfänge in Karlsruhe, Lyon und Marseille waren einzigartige Erlebnisse. Der Zuspruch, den wir erfuhren, bereitete uns ein stolzes Gefühl: “Seien Sie gute Botschafter!”- mein Gott. Wir scheinen wirklich wichtig zu sein. :-)
Und ich glaube das waren wir auch.

Bei “wichtig” fallen mir noch einmal viele Menschen ein, ohne die die Aktion unmöglich gewesen wäre. Selbstverständlich ist ein guter Film nichts ohne seine mutigen und abenteuerlustigen Protagonisten: Silvana, Jenny, Sascha und Martin haben ein Projekt zum Leben erweckt, das meiner Ansicht nach weltweit seinesgleichen sucht und eine beeindruckende Inspiration für viele Schicksalsgenossen darstellen kann.
Auch die Nebenrollen waren formidabel besetzt: ich denke hierbei an Michael Kolodzig, der soviel Herzblut in die Sache gesteckt hat und uns in seiner professionellen Art unschätzbar wertvoll unterstützt hat.
Frau Tuemer, die Vertretung des deutschen Generalkonsulats in Marseille hat ebenfalls keine Mühen gescheut, unsere Wünsche zu erfüllen und ermöglichte uns eine wunderschöne Zeremonie für Martin: Das Olivenbäumchen am Eingang eines Marseiller Parks wird von vielen Menschen täglich gesehen werden und träft ein kleines Emblem der Fahnen von Deutschland und Frankreich.
Frank, Frank, Adrian und Andreas als Technikprofis waren einmalige Begleiter des Geschehens, die weit über ihre technische Kompetenz hinweg die Zeit bereichert haben. Toll, dass sie sich die Zeit genommen haben. Zu guter Letzt muss der Dank auch an alle Betreuer, Pfleger, Filmer und Menschen gehen, die den Weg mit uns gegangen sind und die wir getroffen haben.
Für mich persönlich war es mehr als ein Projekt mit wichtiger Botschaft: Es war ein Abschied aus Marburg- insbesondere von Sascha, Jenny und Silvana, welche sich in alle Welt zu zerstreuen beginnen. Dementsprechend macht das Ende der Rolli Rallye mich traurig und fröhlich zugleich.
Zumindest ist es eine Zeit gewesen, die ich nie vergessen werde.
Danke, dass ihr mich eingeladen habt, dabei zu sein.
Euer Thomas